Hilfe, wo sie am dringendsten gebraucht wird – zwei Chefärzte der Kliniken des Landkreises Lörrach berichten von humanitären Einsätzen in Afrika
In seiner Begrüßung bringt der Ärztliche Direktor der Kliniken des Landkreises Lörrach, Prof. Dr. Tilman Humpl, das Empfinden vieler im Raum auf den Punkt. Stolz und Dankbarkeit, sagt er, prägten den Blick der Kliniken auf diese Einsätze. Stolz auf zwei Chefärzte, die ihre medizinische Kompetenz in Regionen einbringen, in denen Hilfe lebensentscheidend ist – und Dankbarkeit für ihren Einsatz, der weit über das Selbstverständliche hinausgeht. Menschlichkeit, fachliche Exzellenz und ein starker Wille seien Voraussetzungen für solche Missionen. Eigenschaften, die beide Chefärzte mitbrächten – und die es den Kliniken auch selbstverständlich machten, sie für diese humanitären Einsätze freizustellen.
Dr. Tobias Berberich: Kinderchirurgie unter Extrembedingungen im Kongo
Für Dr. Tobias Berberich, Chefarzt der Abteilung für Kinderchirurgie & Spezielle Kinder- und Jugendurologie, führte der jüngste humanitäre Einsatz mit der Organisation Hammer Forum e. V. in die Demokratische Republik Kongo – nach Kikwit, rund 500 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Kinshasa. Eine Region, die vielen noch aus den Berichten über den Ebola-Ausbruch der 1990er-Jahre bekannt ist und in der die medizinische Versorgung bis heute katastrophal ist.
Schon die Anreise verdeutlicht, unter welchen Bedingungen hier geholfen wird. Das internationale Team trifft sich erstmals am Flughafen in Brüssel, reist gemeinsam weiter nach Kinshasa, wartet stundenlang auf Gepäck, passiert zahlreiche Sicherheitskontrollen – oft weniger aus Sicherheitsgründen, sondern aus dem Versuch heraus, Geld zu erlangen. Erst spät am Abend erreichen sie ihr erstes Quartier. Die Nacht ist kurz, der nächste Tag beginnt um 5.30 Uhr morgens, mit einer weiteren, beschwerlichen Fahrt über schlechte Straßen, vorbei an unzähligen Kontrollposten, bis schließlich am Nachmittag Kikwit erreicht wird.
Dort warten bereits mehr als 100 Kinder auf die erste Sprechstunde. Während die Chirurgen mit der Sichtung beginnen, wird parallel improvisiert: OP-Material, Narkosegeräte, Medikamente, Instrumente – alles muss aus der Ambulanz über Wiesen und durch Gänge in die OP-Säle transportiert werden. Was in europäischen Kliniken selbstverständlich ist, wird hier zur logistischen Herausforderung.
In den folgenden zwei Wochen werden insgesamt 143 Operationen durchgeführt, zusätzlich rund 400 Kinder in der Sprechstunde untersucht, beraten und behandelt. Die Fälle sind schwer, oft erschütternd. Große Tumoren im Halsbereich, die unter einfachsten Lichtverhältnissen – mit Stirn- und Schreibtischlampen – entfernt werden müssen. Kinder mit schweren Verbrennungsfolgen, deren Finger, Ellenbogen oder Hände durch Narben und Fehlstellungen nahezu unbeweglich geworden sind. Chronische Knochenentzündungen, bei denen abgestorbene Knochenteile entfernt werden müssen. Fehlbildungen der Harnröhre, die mehrzeitige, hochkomplexe Eingriffe erforderlich machen – häufig zusätzlich erschwert durch frühere, unsachgemäße Behandlungen.
Besonders eindrücklich sind die Schicksale der Kleinsten: ein Säugling mit falsch angelegtem Darmausgang, der in einer aufwendigen Operation korrigiert werden muss; Kinder mit ausgeprägten Leisten- und Nabelhernien; zehn Kinder mit Sichelzellanämie, bei denen eine Milzentfernung lebensrettend ist. Immer wieder kommen Notfälle hinzu – etwa nach schweren Verkehrsunfällen.
Nicht alle Schicksale nehmen ein gutes Ende. Zwei Kinder sterben trotz aller Bemühungen. Ein fünfjähriger Junge mit schwerer Bauchfellentzündung, der viel zu spät medizinisch versorgt wurde. Ein Säugling, so geschwächt durch einen riesigen Tumor, dass sein Körper den Eingriff nicht verkraftet. Diese Momente belasten das gesamte Team schwer. Und doch bleibt die Gewissheit: Ohne die Operationen hätten diese Kinder keine Chance gehabt.
Neben der medizinischen Arbeit ist es die enge Zusammenarbeit im Team, die diesen Einsatz trägt. Gemeinsames Kochen am Abend, gegenseitige Unterstützung, Gespräche über das Erlebte. Ebenso wichtig ist der Wissenstransfer: Einheimische Kolleginnen und Kollegen zeigen großes Interesse, lernen Techniken, die sie künftig selbst anwenden können. Genau das ist ein zentrales Anliegen des Hammer Forums: nachhaltige Hilfe, die bleibt.
Das Hammer Forum engagiert sich seit 2008 in Kikwit, betreibt dort eine Kinderambulanz, in der Kinder ganzjährig kostenlos behandelt werden, unterstützt die Sanierung von OP-Sälen und Stationen und ermöglicht durch regelmäßige Einsätze eine langfristige Betreuung. Angesichts einer Kindersterblichkeit, die rund 20-mal höher ist als in Deutschland, ist dieses Engagement lebenswichtig. Weitere Informationen und Möglichkeiten zur Unterstützung finden sich unter www.hammer-forum.de.
Dr. Andreas C. Rudolph: Plastische Chirurgie zwischen Hoffnung und Tragik in Uganda
Auch für Dr. Andreas C. Rudolph, Chefarzt der Klinik für Plastische- und Handchirurgie, liegt ein intensiver Einsatz hinter ihm. Mit einem achtköpfigen Team der Hilfsorganisation Interplast-Germany e. V. war er bereits zum fünften Mal am Victoriasee in Uganda tätig – im LAMU-Hospital nahe der Nilquelle. Insgesamt 40 Patientinnen und Patienten wurden ausgewählt, an acht OP-Tagen fanden 60 Operationen statt.
Wie im Kongo beginnt alles mit einer Sprechstunde, die die Dimensionen der Not offenbart: 130 Menschen, meist Kinder, stellen sich am ersten Tag vor. Viele leiden an schweren Verbrennungsfolgen – an Händen, Füßen oder im Gesicht. Narben, Entzündungen, Kontrakturen schränken Bewegung und Alltag massiv ein. Ziel der Plastischen Chirurgie ist hier weit mehr als kosmetische Korrektur: Es geht um Funktion, um Selbstständigkeit, um die Chance auf ein Leben ohne ständige Schmerzen und Stigmatisierung.
Die Auswahl der Patienten ist schwierig und emotional belastend. Die Zeit ist begrenzt, die Kapazitäten sind es auch. „Wir müssen sicherstellen, dass wir genau denen helfen, die am dringendsten darauf angewiesen sind“, beschreibt Rudolph diesen Prozess. Viele müssen abgewiesen werden – nicht, weil ihr Leid geringer wäre, sondern weil die Möglichkeiten fehlen.
Dieser Einsatz steht jedoch unter einem besonders schweren Schatten. Ein zweieinhalbjähriges Mädchen stirbt während einer Narkose. Erst im Nachhinein wird klar: Das Kind litt an einem unerkannten, unbehandelten Diabetes. Mangels diagnostischer Möglichkeiten vor Ort war dies im Vorfeld nicht festzustellen. Trotz zweistündigem Kampf auf der Kinder-Intensivstation kann das Mädchen nicht gerettet werden.
Für das gesamte Team ist dies ein Schock. „Das war der traurigste Moment aller bisherigen Einsätze“, sagt Rudolph sichtlich bewegt. Pflegekräfte und Ärzte kämpfen mit Tränen, mit Ohnmacht – und mit der Frage, wie man mit solchen Situationen umgeht. Dass die Eltern am nächsten Tag dennoch ihre Kinder wieder zur Behandlung bringen, berührt das Team tief. Es zeigt das große Vertrauen, das den Helfenden entgegengebracht wird.
Trotz der Tragik blickt das Team – u.a. bestehend aus den Mitarbeitern der Kliniken Lörrach Chefarzt Dr. Andreas C. Rudolph (Plastische- und Handchirurgie) , Dr. Sascha Löhr (Oberarzt Unfallchirurgie), Wolfgang Bachbauer (Leiter IMC Schopfheim) und Iris Oswald (Leiterin Anästhesie-Pflege) –, das zusammengenommen bereits 56 Einsätze absolviert hat, auch auf viele Erfolge zurück: gelöste Narben, korrigierte Fehlbildungen, Kinder, die ihre Hände wieder bewegen können. Die Zusammenarbeit mit dem ugandischen Personal ist eng und von gegenseitigem Respekt geprägt. Immer häufiger führen lokale Ärztinnen und Ärzte kleinere Eingriffe selbstständig durch – ein Zeichen dafür, dass die Hilfe nachhaltig wirkt.
Interplast-Germany e. V. ist seit Jahrzehnten weltweit aktiv, entsendet ehrenamtliche medizinische Teams, operiert vor Ort und bildet lokale Fachkräfte weiter. Auch künftig soll das Engagement fortgesetzt werden, etwa bei geplanten Einsätzen in Kamerun. Informationen zur Arbeit von Interplast Schopfheim sowie zu Spendenmöglichkeiten finden sich unter www.interplast-schopfheim.de.
Gemeinsames Fazit: Medizin als Akt der Menschlichkeit
Zwei Einsätze, zwei Länder, zwei Fachrichtungen – und doch eine gemeinsame Haltung. Die Berichte von Dr. Tobias Berberich und Dr. Andreas C. Rudolph zeigen, was Medizin leisten kann, wenn sie sich konsequent am Menschen orientiert. Sie zeigen aber auch die Grenzen, die Armut, fehlende Infrastruktur und politische Instabilität setzen.
Für die Kliniken des Landkreises Lörrach sind diese Einsätze mehr als persönliche Engagements einzelner Ärzte. Sie sind Ausdruck eines Selbstverständnisses: Verantwortung endet nicht an Landesgrenzen. Hilfe dort zu leisten, wo sie am dringendsten gebraucht wird, ist Teil dieser Haltung – getragen von Fachkompetenz, Menschlichkeit und dem Mut, sich auch den schwersten Situationen zu stellen.